Brauchen wir einen Smartphone-Führerschein, Herr Wolff?

Ein Gespräch mit Daniel Wolff, langjähriger IT-Journalist und US-Korrespondent des Computermagazins CHIP, Universitätsdozent und Digitaltrainer an Schulen sowie Bestseller-Autor eines Elternratgebers zum Umgang mit Smartphone & Co.

Till Ruhe: Eltern und Erziehungspersonen unterschätzen die Wirkung digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche massiv – so lautet eine These, die Sie Ihrem Ratgeber »Allein mit dem Handy – So schützen wir unsere Kinder« voranstellen.

Daniel Wolff: Ja, viele Eltern haben noch nicht realisiert, dass die Überlassung eines Smartphones ein lebensverändernder Moment für ihr Kind ist, der gut vorbereitet und begleitet sein will. Denn ein Smartphone mitsamt seinen unzähligen Apps ist wesentlich schwerer unfallfrei zu bedienen als ein Automobil – das meine ich ganz ernst. Um Auto fahren zu dürfen, müssen junge Menschen erst ein gewisses Alter erreichen und eine Prüfung ablegen – aber das Smartphone geben wir ihnen schon im Grundschulalter und sagen: Viel Spaß damit! Ich bitte alle Eltern und Erziehungspersonen eindringlich, sich selbst intensiv auf die Smartphone-Übergabe an Kinder vorzubereiten.

Sie fordern Erwachsene auf, sich mit den digitalen Welten auseinanderzusetzen, in denen sich ihre Kinder bewegen. Erleben Sie die Bereitschaft dazu?

Interesse ist schon da, aber viele beschäftigen sich doch eher halbherzig mit den Herausforderungen. Die Mehrheit der Eltern ist noch nicht bereit, sich ernsthaft damit zu befassen, und erkennt die Dimensionen der Problematik noch nicht mal im Ansatz. Medienerziehung ist in einer digitalen Welt aber eine zentrale Aufgabe in der Erziehung! Sie kostet Zeit und Energie, aber sie lohnt sich. Leider gibt es stattdessen viele Eltern, die digitale Medien als Beruhigungsmittel benutzen: Schon Babys bekommen ein Smartphone in die Hand, damit sie sich beim Wickeln oder Essen ruhig verhalten.

Wie wirken sich die extensiven Bildschirmzeiten auf geistige Entwicklung und emotionale Reife aus?

Laut der aktuellen MiniKIM-Studie haben bereits etwa 10 % der Kleinkinder im Alter von 2 bis 5 Jahren ein eigenes Smartphone oder Tablet. Das Phänomen ist noch so neu, dass es so gut wie keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse dazu gibt, welche Auswirkungen das auf unsere Kinder hat. Wir haben inzwischen gute Studien für die Generation Z, also junge Erwachsene, die als ältere Kinder schon Smartphones hatten. Und da schaut es gar nicht gut aus: Eine der schlimmsten Folgen ist schlicht der permanente Schlafmangel. Wenn ich Schülerinnen und Schüler in Workshops frage, wer sein Smartphone mit ins Bett nehmen darf, meldet sich oft die Hälfte der Kinder. Und wenn ich frage, wer es ab und zu mal heimlich mit ins Bett nimmt, meldet sich dann oft die andere Hälfte. Viele Eltern wissen schlicht gar nicht, dass ihre Kinder bei heruntergedimmtem Bildschirm und mit Kopfhörer auf einem Ohr nie Nacht heimlich bis in die Morgenstunden mit YouTube-Shorts, TikTok oder Brawl Stars verbringen – denn diese Apps sind ja so gemacht, dass man nicht aufhören können soll. Aber nicht nur die Nutzungszeiten sind ein Riesenproblem, sondern auch, was gesehen wird: Kinder werden besonders nachts mit teilweise extrem verstörenden Inhalten konfrontiert. Jedes Kind mit Smartphone sieht eher früher als später Hardcore-Pornos; das Gleiche gilt für unvorstellbar brutale Gewaltszenen. Die Eltern erfahren davon nichts, denn die Kinder behalten diese Eindrücke für sich – aus Angst, dass ihnen das Smartphone weggenommen wird. Ich befürchte, dass viele Kinder schon so schlimme Dinge gesehen haben, dass sie das Urvertrauen und die Hoffnung auf eine Welt, in der sich zu leben lohnt, verlieren. Zudem sinken Konzentrationsfähigkeit und die Fähigkeit, komplexere Sachverhalte zu verstehen, rapide – fragen Sie jede beliebige erfahrene Lehrkraft.

Wenn ich als Kind zu viel ferngesehen habe, hat mein Vater früher vor viereckigen Augen gewarnt. Aber ernsthaft: Welche körperlichen Folgen bringt der vermehrte Medienkonsum mit sich?

Ein Problem ist die Kurzsichtigkeit. Je früher und länger ich als Kind mobile Digitalgeräte nutze, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich schon als junger Erwachsener kurzsichtig werde. In manchen asiatischen Ländern, in denen die Nutzungszeiten noch größer sind als bei uns, liegen die Raten über 90 %. Von zehn Südkoreanern im Alter von 20 Jahren trägt höchstens einer keine Brille. Auch mögliche Haltungsschäden sind noch nicht gut erforscht. Aber schauen Sie mal gezielt an einer Bushaltestelle vor einer Schule: Sie sehen vor allem Jungs, die sich beim Blick aufs Smartphone derart bücken, dass man Angst um ihre Körperhaltung haben muss. Durch den Bewegungsmangel verlieren junge Menschen auch ihr Körpergefühl. Die Kinder tollen ja nicht mehr durchs Dorf oder spielen stundenlang auf dem Fußballplatz. So fehlt ihnen die Chance zu lernen, wie man Risiken einschätzt oder Konflikte moderiert. Viele Entwicklungsaufgaben, die man später nicht mehr aufholen kann, werden wegen des ständigen Digitalkonsums nicht mehr wahrgenommen.

Eltern, aber auch Fachkräfte in der Jugendhilfe, wünschen sich oft klare Empfehlungen. Wie viel Mediennutzungszeit halten Sie für angemessen?

Da gibt es Richtwerte, die als Leitplanken dienen können: Bei Babys und Kleinkindern unter 3 Jahren sollte man auf Bildschirme komplett verzichten; im Kindergarten-Alter reicht eine Viertelstunde am Tag. In den 1. und 2. Klassen würde ich unter der Woche eine halbe Stunde ansetzen, am Wochenende etwas mehr. In den 3./4. Klassen könnte man eine Dreiviertelstunde am Tag anpeilen, in der 5./6. Klasse dann eine runde Stunde – allerdings immer als Bildschirmzeit für alle Geräte zusammen, also Playstation, Tablet und (falls schon vorhanden) Smartphone. In der 7./8. Klasse würde ich dann auf etwa 1,5 Stunden hochgehen, am Wochenende auf zwei Stunden – und bei den 9./10. Klassen auf zwei Stunden unter der Woche und drei Stunden am Wochenende. Jugendlichen ab 16 Jahren kann ich dann eigentlich nicht mehr wirkungsvoll vorschreiben, was sie tun sollen – sonst sieht man sie ganz einfach gar nicht mehr: Die gehen sonst einfach zu ihren Freunden, wo sie alles tun dürfen, oder organisieren sich ein Zweitgerät.

Ob in der Familie oder einer Wohngruppe – die Auseinandersetzungen über Nutzungszeiten und geeignete Inhalte werden oft erbittert geführt. Wie könnten die Aushandlungsprozesse etwas entschärft und konstruktiver gestaltet werden?

Gerade am Anfang, wenn die Kinder jünger sind, braucht man klare Regeln. Ich empfehle dazu gern die Website www.mediennutzungsvertrag.de. Erziehungspersonen sollten sich – gerne zu zweit – mindestens einen Abend Zeit nehmen und einmal die dort vorgeschlagenen Regeln durcharbeiten. Da kommt man auf viele Aspekte, an die man sonst vielleicht gar nicht gedacht hätte – Gefahren durch Pädokriminelle zum Beispiel – und kann sich sicher sein, dass man nichts Wesentliches vergessen hat. Die ausgewählten Regeln sollte man dann mit dem Kind besprechen und auch noch mal mit sich reden lassen, wenn das Kind begründen kann, warum es sich etwas anderes wünscht. In jedem Fall signalisiert man, dass man sich Gedanken gemacht hat und sich für die Lebenswelt des Kindes interessiert. Und man sollte immer auch ein paar Regeln auswählen, die für die Eltern gelten sollen, wie etwa: »Ich reiße dir das Smartphone nicht einfach aus der Hand!«. Der vernünftige Weg wäre, am Anfang insgesamt etwas vorsichtiger zu sein – so wie im Straßenverkehr auch: Später kann man sich regelmäßig, zum Beispiel zu Beginn eines neuen Schuljahres, die Vereinbarungen dann noch mal gemeinsam durchlesen und den Kids Stück für Stück etwas mehr erlauben. So freuen sich die Kinder sogar aufs neue Schuljahr!

Was sagen Sie zum Handyverbot in Schulen, das wir auch in der Stiftung diskutieren?

In der Grundschule ist es für mich ein absoluter No-Brainer, die Kinder nicht auch noch während der Schulzeit mit süchtigmachenden Social-Media-Apps und Handyspielen auf ihren privaten Smartphones dauerzubelasten. Auch bis einschließlich der 8. Klasse würde ich ein echtes, also wirksames Verbot befürworten. Das ließe sich etwa realisieren mit einem Handytresor, in den die Geräte bei Schulbeginn eingeschlossen werden. Natürlich wird es Kinder geben, die dann ein Zweithandy mitbringen. Aber es gibt auch Kinder, die sich heimlich Zigaretten besorgen; deshalb ist die Regel insgesamt nicht schlecht. Natürlich löst ein Verbot allein nicht alle Probleme, aber es würde der Konzentration und der sozialen Interaktion guttun. Für den Unterricht müsste man dann natürlich Tablets bereitstellen, die allerdings technisch so gesichert sind, dass sie nur zu Lernzwecken genutzt werden können. Vielleicht sollten wir als Gesellschaft auch über ein Verbot in Schulen hinaus generell eine soziale Norm entwickeln, dass Kinder unter 14 oder zumindest unter 12 Jahren einfach kein Smartphone bekommen sollten – und erst recht keine Social Media-Apps. Ehrlich gesagt: Ich sehe keinen einzigen wirklichen Grund, warum ein 10-Jähriger TikTok haben sollte. Jedoch sehe ich Dutzende haarsträubende Risiken.

Angesichts der Potentiale von Künstlicher Intelligenz stehen wir zudem vor neuen Herausforderungen.

Jede neue Technologie bringt gigantische Chancen und Risiken mit sich. Und KI ist sicher eine Technologie, die besonders mächtig in beide Richtungen ausschlagen kann. Kinder machen jetzt schon viele, teils überraschend positive, teils unfassbar gruselige Erfahrungen mit KI, die wir als Erwachsene gar nicht mitbekommen – zum Beispiel durch Chatbots in Apps wie Snapchat oder Character.ai. Ich denke: Wann immer ein solch immenser technologischer Umbruch stattfindet, dürfen wir als Eltern, Lehrkräfte oder Betreuer nicht resignieren. Wir müssen alles dafür tun, informierte Entscheidungen zu treffen, um die Chancen zu erfassen und die Risiken zu minimieren. Die Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz ist für mich der allerletzte Weckruf: Wenn wir uns jetzt nicht endlich darum kümmern, was unsere Kinder im Internet erleben, verlieren wir sie.

Herr Wolff, vielen Dank für das Gespräch.