Mit Herz, Haltung und Gelassenheit: Thomas Deinert arbeitet seit 30 Jahren in der Stiftung

»Man kann nicht die ganze Welt retten – aber man kann Kindern Wege zeigen, auf denen sie selbst weitergehen.« Mit diesen Worten beschreibt Thomas Deinert seine Haltung wohl am besten: ehrlich, geerdet und mit einem klaren Blick dafür, was wirklich zählt. Schon seit gut drei Jahrzehnten ist der Pädagoge in Wohngruppen der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung tätig.

Wurzeln in der Baumschule

Thomas wurde 1970 geboren. Seine Eltern führten eine Baumschule, und so war das Arbeiten mit und in der Natur von klein auf Teil seines Lebens. Schon früh durfte er mit anpacken – und lernte dabei, was Vertrauen und Verantwortung bedeuten. In der Schule begeisterte ihn besonders Physik, doch sein Weg sollte dann in eine ganz andere Richtung führen.

Vom Zivildienst zum Beruf

Nach dem Abitur absolvierte Thomas den Zivildienst in einer Kindertagesstätte – eine Zeit, die ihn nachhaltig prägte. »Ich habe gemerkt, wie viel Freude es mir macht, mit Kindern zu arbeiten«, erinnert er sich. Aus dieser Erfahrung reifte sein Entschluss, Soziale Arbeit in Braunschweig zu studieren. Nebenbei arbeitete er im Kinderschutzhaus, wo er wertvolle Einblicke in ein weiteres Arbeitsfeld der Jugendhilfe gewann. 1995 folgte das Anerkennungsjahr in der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung, für die er bis heute tätig ist.

Erinnerungen an die Anfangszeit

An seine ersten Jahre erinnert sich Thomas mit einem ungläubigen Lächeln: »Der Dienstplan war handgeschrieben, in den Besprechungsräumen wurde geraucht und Berichte tippte man noch auf der Schreibmaschine.« 24-Stunden-Einsätze oder ganze Wochenenden im Dienst waren keine Seltenheit – oft alleinverantwortlich für bis zu zehn Kinder und Jugendliche. »Man war jung und engagiert. Man hat einfach gemacht«, sagt er rückblickend auf diese Zeit.

Realismus und Empathie

Dass Thomas der Jugendhilfe auch nach 30 Jahren nicht überdrüssig ist, liegt auch an einem realistischen Anspruch. Er betrachtet seine Aufgabe nüchtern, aber erfüllt sie mit Leidenschaft. »Ich frage mich immer wieder: Was ist unser Auftrag? Was können wir leisten? Und was nicht?« Sein Ziel ist klar: Kindern und Jugendlichen Halt geben, ihnen Möglichkeiten eröffnen und sie in ihrer individuellen Entwicklung fördern.

Ehrlichkeit, Vertrauen und Selbstwirksamkeit

In der pädagogischen Arbeit zählen für Thomas vor allem Authentizität und Verlässlichkeit. Er macht keine falschen Versprechungen und hält seine Zusagen ein. Kindern traut er viel zu – und überträgt ihnen Verantwortung. So wie er in der elterlichen Baumschule schon früh mit Werkzeug arbeiten durfte, ermöglicht er Kindern ähnliche Lernerfahrungen. Thomas weiß, wie wichtig Erfolgserlebnisse für die Entwicklung sind. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Junge, der nach langem Üben endlich das Seepferdchen-Abzeichen geschafft hatte: »Alle Menschen im Schwimmbad haben mitgefiebert und applaudiert. Er war so stolz!« Dieser Moment habe auch ihn als Betreuer sehr bewegt.

Gelassenheit durch Erfahrung

Um Kinder besser zu verstehen, beobachtet Thomas sie in spielerischen Situationen – etwa beim Kräftemessen, wo Grenzen getestet und Reaktionen sichtbar werden. So kann er schon abschätzen, wie Kinder in echten Konflikten reagieren und wie man sie dann am besten unterstützt. Wenn es doch mal kracht, muss nicht jede Situation sofort geklärt werden – das hat Thomas im Laufe der Jahre gelernt. Er erinnert sich an einen Jugendlichen, der betrunken nach Hause kam: »Ich wollte ihn gleich zur Rede stellen. Die Situation lief aus dem Ruder und er hat mich gebissen.« Heute würde Thomas anders handeln: ruhig, deeskalierend. Und das Gespräch am nächsten Morgen suchen. »Machtkämpfe helfen nicht weiter«, weiß er.

Kinderschutz, Beteiligung und »Leitplanken aus Gummi«

Kinderrechte und Partizipation sind für Thomas zentrale Themen. Nicht erst seit einer Zusatzausbildung zur Kinderschutzfachkraft legt er Wert auf respektvollen Umgang. »Kinder haben Rechte – aber sie brauchen auch Begrenzung. Sie brauchen Leitplanken aus Gummi, die sie nicht verletzen, sondern sanft zurück auf den richtigen Weg führen.« In der Auseinandersetzung mit dem Dauerthema Medienkonsum agiert er mit Augenmaß statt Restriktion: »Aber das Kinderrecht auf Medien bedeutet nicht, dass sie 24 Stunden fernsehen oder am Handy spielen dürfen – sondern, dass sie lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen.«

Ein schönes Beispiel für gelebte Beteiligung war die Planung des Spielplatzes im Garten der Wohngruppe in Schladen: Thomas baute mit den Kindern ein Modell und der Stiftungsvorstand stimmte der Umsetzung des Entwurfs fast vollständig zu. »Das war echte Partizipation«, sagt er nicht ohne Stolz.

Kinder ernst nehmen – auch im Kleinen

Im Alltag zeigt sich seine Haltung so: Die Abrechnung der Gruppengelder macht Thomas nicht im Büro, sondern am Esstisch – gemeinsam mit den Kindern. »Sie rechnen dann mit einem Taschenrechner nach und staunen, welche Kosten das Leben mit sich bringt.« Beim Einkauf dürfen die Kinder mitentscheiden, was benötigt wird. Das ist Alltagspädagogik im besten Sinne – ehrlich, praktisch und wirksam.

»Man ruft nicht durchs ganze Haus zum Mittagessen, sondern geht zu den Kindern, dahin, wo sie gerade sind«, erklärt Thomas. »Vielleicht Thomas lebt mit seiner Frau und sind sie gerade in ein Buch vertieft oder bauen konzentriert mit Lego. Dann ist es wichtig, sie da abzuholen.« Lachend erzählt er eine seiner Lieblingsanekdoten: »Ein Junge sagte mal: Wenn wir Kinder gleich kommen sollen, heißt das sofort. Aber wenn ihr Betreuer sagt, ihr kommt gleich, dauert es immer noch zehn Minuten. Meinst du also dein gleich oder mein gleich

Älter werden, ohne alt zu denken

Dass er noch immer den Puls der Zeit fühlt, zeigt sich in Diskussionen um die berüchtigte Jogginghose. Da reagieren viele jüngere Kolleg*innen eher konservativ, möchten den Kindern und Jugendlichen den Schlabberlook am liebsten verbieten. »Moment mal«, hält Jeansträger Thomas dagegen, »Jogginghose und Adiletten sind einfach angesagt.« Für ihn kommt in der Kombination aus Bequemlichkeit und Style nicht Respektlosigkeit, sondern schlicht ein verändertes Modeverständnis zum Ausdruck. Am Ende ist es genau diese Mischung aus Gelassenheit und Zuwendung, die Thomas ausmacht. Er schenkt jungen Mensch Vertrauen und gibt ihnen gleichzeitig Sicherheit.

Für die Stiftung war er schon vielerorts im Einsatz: Braunschweig, Bad Harzburg, Goslar, Schladen. Im letzten Jahr hat er dann die Leitung einer Kindergruppe in Salzgitter-Thiede übernommen. Nach drei Jahrzehnten in der Jugendhilfe blickt er nicht wehmütig zurück, sondern nach vorn: offen, neugierig und mit der festen Überzeugung, dass jeder Tag die Chance bietet, Kinder hilfreich auf ihrem Weg zu begleiten.