Zwischen Schuld, Erinnerung und Verantwortung: Ein bewegendes Schultheaterstück

Was als schulinterne Informationsveranstaltung angekündigt war, entwickelte sich für rund 30 Schülerinnen und Schüler der Dr. David Mansfeld-Schule zu einer eindringlichen und emotional aufwühlenden Theatererfahrung. Schulleiterin Kirsten Lehmann begrüßte die Kinder und Jugendlichen gerade in der Pausenhalle, als der Vormittag eine unerwartete Wendung nahm.

Plötzlich stürmte ein junger Mann in den Raum. Er heiße Jonas und sei ehemaliger Schüler. Sichtlich angespannt erklärte er, dass er auf der Suche nach einem Brief sei, den er vor vielen Jahren hier versteckt habe. Was zunächst irritierend wirkte, entpuppte sich schnell als Einstieg in eine tiefgehende Erzählung.

Schauspieler Luis Lüps mit Schüler

Jonas berichtete von seiner Vergangenheit: einer schwierigen Kindheit geprägt durch einen gewalttätigen, alkoholkranken Stiefvater, von seiner Freundschaft zu Mohamed, genannt „Mo“, mit dem er gemeinsam im Boxverein trainierte, von seiner Jugendliebe Jessica – und wie deren älterer Bruder Heiko ihn in seine Clique aufnahm.

Anfangs habe ihm diese Gruppe etwas geboten, das Jonas lange vermisst hatte: Anerkennung, Zugehörigkeit und Gemeinschaft. „Die haben mich respektiert und Kamerad genannt“, erzählt er. Doch schnell zeigte sich die dunkle Seite dieser Clique. Alkohol, Parolen wie „Sieg Heil“ und der Hitlergruß gehörten plötzlich zu seinem Alltag. Schritt für Schritt geriet Jonas in den Einfluss rechtsextremer Ideologien. Als sich schließlich sein bester Freund Mo und Jessica näherkamen, verstärkte sich Jonas’ innere Zerrissenheit. Die Parolen der Gruppe – „Ausländer nehmen uns die Frauen weg“ – trafen bei ihm auf einen wunden Punkt.

Seine Geschichte eskalierte spätestens, als er Mo und Jessica bei einem Kuss beobachtete. Getrieben von Eifersucht berichtete er Jessicas Bruder Heiko von der Beziehung zu einem „Ausländer“. Die Clique verprügelte seinen ehemals besten Freund daraufhin brutal und Jonas griff nicht ein. Schwer verletzt landete Mo im Krankenhaus. Vom schlechten Gewissen geplagt, schrieb Jonas einen Brief, in dem er seine Schuld gestand. Doch als die Polizei zur Befragung in die Schule kam, versteckte er das mutmaßliche Beweisstück im Klassenraum. Nach Schulschluss flüchtete er dann aus der Stadt – für viele Jahre.

Von seinem schlechten Gewissen eingeholt, kehrte Jonas heute zurück, um den Brief zu finden. Mit diesen Worten endete seine Erzählung – und er verließ die Szene.

Nachbesprechung mit Theresa Meidinger

Stattdessen betrat Theaterpädagogin Theresa Meidinger den Raum und klärte auf: „Das war das Theaterstück Deine Helden – meine Träume.“ Erst in diesem Moment wurde vielen Schülerinnen und Schülern wirklich klar, dass sie Teil eines Theaterstücks geworden waren.

Im anschließenden Workshop hatten die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Eindrücke zu schildern. Viele zeigten sich tief bewegt von der Geschichte. Schon während des Stücks richteten einige wütende Zwischenrufe an „Jonas“: „Du Rassist!“  Wichtig war deshalb die Nachbesprechung. So machte die Veranstaltung nicht nur nachdenklich, sondern stieß intensive Gespräche über Werte, Entscheidungen und die Konsequenzen des eigenen Handelns an.

Derzeit besuchen Schauspieler Luis Lüps und Theresa Meidinger anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus verschiedene Schulen mit ihrem Programm, einem Kooperationsprojekt der freien Theatergruppe ELLE Kollektiv und des gemeinnützigen Vereins GRINS e.V.