Gut ankommen ist mehr als die halbe Miete!

Der Aufnahmeprozess von Kindern und Jugendlichen in eine Wohngruppe gilt als Schlüsselphase für das Gelingen einer Jugendhilfemaßnahme. Eine sensible, transparente und gut strukturierte Gestaltung kann wesentlich dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche sich sicherer fühlen und Vertrauen entwickeln. Die gelingende Integration kann so auch vorschnellen Abbrüchen der Betreuung vorbeugen. Anders gesagt – hier gilt einmal mehr unser Stiftungsmotto: Erkennen · Verstehen · Begleiten

Ein tiefgreifender Einschnitt

Dr. Raphael Krämer (©Foto: Natalie Klimainsky)

Die Aufnahme in ein Wohnangebot der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung stellt für Kinder und Jugendliche einen tiefgreifenden Einschnitt in ihrem Leben dar. Häufig ist dieser Schritt mit Unsicherheiten, Ängsten und vielen offenen Fragen verbunden. Die jungen Menschen können die Notwendigkeit der Unterbringung womöglich nicht nachvollziehen. Sie sind akut belastet durch Erfahrungen wie familiäre Konflikte, instabile Lebensbedingungen oder den Verlust wichtiger Bezugspersonen und sozialer Netzwerke. »Für alle Menschen ist das Grundbedürfnis nach Orientierung und Kontrolle essentiell und insbesondere Kinder und Jugendliche, die ihren Lebensmittelpunkt wechseln müssen, sind in diesem Grundbedürfnis deutlich eingeschränkt«, erklärt dazu Kinder- und Jugendpsychiater Raphael Krämer. »Die am Hilfeprozess beteiligten Personen und Institutionen können schon im Vorfeld viel zum Gelingen beitragen, indem sie Unsicherheiten abbauen und so viel Klarheit wie möglich verschaffen.«

Auch für Eltern bedeutet die Unterbringung ihres Kindes eine große Veränderung. Neben Sorgen um das Wohl ihres Nachwuchses können Schuldgefühle aufkommen oder die Angst vor einem Verlust sozialen Ansehens. Manche Eltern begegnen der Maßnahme mit Skepsis – etwa, wenn sie sich nicht ausreichend in Entscheidungen einbezogen fühlen oder bereits negative Erfahrungen mit Institutionen gemacht haben. Deshalb ist die transparente und kooperative Zusammenarbeit hier von großer Bedeutung. Wenn Eltern sich ernst- und mitgenommen fühlen, steigt ihre Bereitschaft zur Mitwirkung im weiteren Hilfeverlauf.

Planung und gegenseitiges Kennenlernen

In der Regel steht am Anfang die Anfrage des fallverantwortlichen Jugendamts für einen Wohnplatz. In vielen Fällen wird eine familiennahe Unterbringung bevorzugt, da sie Kontakte zum bisherigen sozialen Umfeld erleichtern kann – auch im Hinblick auf eine spätere Rückführung ins Elternhaus. Gleichwohl muss sorgfältig geprüft werden, ob dadurch ein mögliches Gefährdungsrisiko bleibt. Kinder und Jugendliche, die Misshandlung oder Missbrauch erlebt haben, könnten durch die räumliche Nähe erneut belastet oder retraumatisiert werden.

Vorgespräche dienen dazu, erste wichtige Informationen über den jungen Menschen und seinen Unterstützungsbedarf zu erhalten: Grundlegendes zu Alter und Entwicklungsstand, zur familiären Situation oder zu besonderen Herausforderungen. Zur detaillierteren Prüfung einer potentiellen Aufnahme werden – sofern vorhanden – relevante Unterlagen gesichtet. Dazu zählen etwa Entwicklungs- und Schulberichte, ärztliche Stellungnahmen oder diagnostische Einschätzungen. Diese Auskünfte helfen, den individuellen Bedarf besser einzuschätzen und ein geeignetes Wohnangebot aus den fast 30 Gruppen der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung auszuwählen.

Kinder, Jugendliche, Eltern und Jugendämter finden auf der Website der Stiftung Fotos und können sich ihrerseits schon mal ein Bild machen. Auch ein digitaler Rundgang wird gern verabredet, um die Räumlichkeiten per Videocall zu besichtigen – ohne größere Hemmschwellen und noch aus der Ferne.

Ein wichtiger Bestandteil des Aufnahmeprozesses ist dann der Kennenlernbesuch. Die unmittelbare Begegnung ermöglicht den jungen Menschen und pädagogischen Fachkräften einen ersten persönlichen Eindruck und kann helfen, Berührungsängste abzubauen. Ein mehrtägiges Probewohnen wird von der Stiftung dagegen aus guten Gründen nicht angeboten. Das zeitlich begrenzte »Ausprobieren« könnte bei Kindern und Jugendlichen Erwartungen und Hoffnungen wecken, die im Falle einer späteren Absage enttäuscht würden. So würden die jungen Menschen eine negative Erfahrung von Ablehnung und Beziehungsabbruch machen, wie viele von ihnen sie bereits mehrfach erleben mussten. Auch Raphael Krämer, als Fallsupervisor beratend für die Stiftung tätig, sieht das sogenannte Probewohnen kritisch: »Was sollen das Team der Wohngruppe oder die Kinder und Jugendlichen in ein paar Tagen in Erfahrung bringen, dass eine verlässliche Einschätzung ermöglicht? Für eine fundierte Prognose bräuchte es lange Betrachtungszeiträume und daher halte ich es für wichtiger, im Vorfeld seitens des Hilfesystems für einen lückenlosen Informationsaustausch zu sorgen, so dass die fachliche Einschätzung für oder gegen eine Aufnahme gut getroffen werden kann.«

Maßgeblich für die Entscheidung zur Aufnahme ist eben diese fachliche Einschätzung: dass eine verantwortungsvolle und bedarfsgerechte Betreuung gewährleistet werden kann. Bei der Auswahl des konkreten Wohnangebots spielen Faktoren wie Gruppenkonstellation, Lage der Einrichtung oder pädagogische Schwerpunkte eine Rolle. Sollte sich im Nachhinein zeigen, dass der gewählte Rahmen doch nicht den Bedürfnissen des Kindes oder Jugendlichen entspricht, besteht auch kurzfristig die Möglichkeit zum Wechsel in eine andere Gruppe der Stiftung.

Ankommen ermöglichen

Der eigentliche Aufnahmetag ist ein besonders sensibler Moment. Kleine Gesten können hier eine große Wirkung entfalten. In der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung erhalten Kinder und Jugendliche beispielsweise eine Begrüßungsmappe mit altersgerecht präsentierten Informationen und ein Willkommensgeschenk. Auch ein Begrüßungsplakat oder ein Namenschild an der Zimmertür, gestaltet von den anderen Bewohner*innen aus der Gruppe, kann signalisieren: Du bist hier willkommen. In manchen Wohngruppen wird am ersten Tag das Lieblingsessen gekocht. Neben der Befriedigung eines Grundbedürfnisses sendet diese Geste eine wichtige Botschaft: Wünsche werden wahr- und ernst genommen. Und Vertrautes kann helfen, die Unsicherheit in der neuen Umgebung zu reduzieren.

Ein weiterer wichtiger Faktor für das gelingende Ankommen ist die Gestaltung des eigenen Zimmers. Diese sollte nicht nur funktional sein, sondern den individuellen Vorlieben entsprechen. Die Möglichkeit, eigene Möbel mitzubringen oder gemeinsam neue auszuwählen, ein Wandanstrich in der Lieblingsfarbe sowie eine Dekoration nach den Vorstellungen des Kindes oder Jugendlichen können helfen, ein Gefühl von Geborgenheit im persönlichen Raum zu entwickeln.

Vorläufige Bezugsbetreuer*innen fungieren in der ersten Zeit als feste Ansprechpersonen und begleiten den jungen Menschen besonders intensiv. Ihre Aufgabe ist es, sensibel, wertschätzend und zugleich unaufdringlich zu unterstützen, um die Autonomie des Kindes oder Jugendlichen zu respektieren und zugleich ein verlässliches Beziehungsangebot zu schaffen.

Auch die erfahreneren Mitbewohnerinnen und Mitbewohner tragen zur Willkommenskultur bei. Oft geschieht dies auf informelle Weise – indem sie das neue Gruppenmitglied durch die Räume führen oder gleich mal ihre Lieblingsspielzeuge präsentieren. Nicht nur die Neuen profitieren davon: Die Übernahme solch verantwortungsvoller Aufgaben stärkt auch das Selbstbewusstsein der bereits in der Gruppe lebenden jungen Menschen und deren Identifikation mit der Gemeinschaft.

Fazit

Durch gute Vorbereitung, wertschätzende Begegnung und vertrauensvolle Beziehungsarbeit werden im Aufnahmeverfahren wichtige Grundlagen für eine positive Entwicklung gelegt. »Anschließend braucht es Zeit für eine echte Eingewöhnung, in der sich die Kinder und Jugendlichen mit den Strukturen, Abläufen und Rahmenbedingungen ebenso vertraut machen wie mit neuen Bezugspersonen, Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern«, betont Raphael Krämer mit Blick auf einen möglichst nachhaltigen Erfolg bei der Begleitung durch die Mansfeld-Löbbecke-Stiftung.